Herdenschutz oder was tun wenn der Wolf kommt…

Teil 2: Grossraubtiere kehren zurück.

Nach einer teils heftigen Diskussion in einer Facebook Gruppe – es geht dort um Rauhaardackel, die Königsklasse also – habe ich mir das Thema ‚Herdenschutz‘ mal etwas genauer angeschaut…

Der Wolf, bei weitem nicht das einzige Grossraubtier das man in der Schweiz antreffen kann. Hier eine kleine Erklärung was so alles in unseren Wäldern jagt…

Wenn man das Wort ‚Grossraubtier‘ im Zusammenhang mit der Schweiz hört, kommt man wieder in der Realität des 21. Jahrhundert an. Die Grossraubtiere kehren zurück.

Für die Einen ein Segen und ein Ereignis für die Anderen ein Grund sich sorgen zu machen.

Die Tiere aus der Vergangenheit fordern ihren Platz zurück!

Im 19. Jahrhundert waren die Grossraubtiere in der Schweiz und weiten Teilen Europas ausgerottet. Luchs, Wolf und Bär kamen nur noch in Märchen vor.

1971 jedoch, kehrte der Luchs in die Schweiz zurück, 1995 wurden die ersten Wolfssichtungen gemeldet und 2005 konnte man den ersten Bären seit Jahren in den Schweizer Nachrichten sehen.
Das mediale Echo war jedes mal gross und die Schlagzeilen reisserisch.

Die Konflikte waren vorprogrammiert…

Wer ist nun zurück gekehrt?

Der Luchs

Der Luchs

Der Luchs wurde in der Schweiz im 19. Jahrhundert ausgerottet. Die letzte belegte Sichtung fand 1904 beim Simplonpass statt.

Zum einen wurde er mit allen Mitteln verfolgt, aber auch seine Lebensgrundlage wurde zerstört. Die Wälder in denen er lebte wurden im Zuge der Industrialisierung weitgehend zerstört seine Beutetiere ausgerottet – er verlor seine Lebensgrundlage.

Im 20. Jahrhundert gewann der Wald in der Schweiz wieder mehr an Bedeutung. Man begann mit der Wiederaufforstung der Wälder und den Waldmanagement. Die Paarhufer kamen zurück und die Zeit war gegeben für eine Wiederansiedlung des Luchses…

1967 war es dann soweit, der Bundesrat fasst den Entschluss den Luchs in der Schweiz wieder heimisch werden zu lassen. Vorausgegangen war ein Antrag aus dem Kanton Obwalden. 1971 wurden die Luchspaare aus der Slowakei freigelassen.

Aus dieser Aktion haben sich in der Schweiz zwei Luchspopulationen entwickelt, eine im Jura die andere in den Nordwestalpen.

Die Verbreitung verlief aber nur schleppend. So wurden in den Jahren zwischen 2001 und 2008 einige Luchse in die Nordostschweiz umgesiedelt. Damit soll die Verbreitung im Alpenraum gefördert werden.

Im Kanton Wallis gab es zu Beginn einen guten Luchsbestand aber sie scheinen sich nicht halten zu können. Im Tessin und Graubünden sind sporadisch Luchse zu finden. Ins Mittelland dringen vereinzelt Tiere vor, aber die starke Besiedelung und das fehlen von zusammenhängenden Waldgebieten machen es dem Luchs nicht einfach.

Verbreitung des Luchses, Stand 2015 (Quelle KORA)
  • (K1, rot): Hard facts wie tot gefundene Luchse, Beobachtungen mit fotografischem Beleg, eingefangene (Jung-)tiere und genetische Nachweise.
  • (K2, blau): Von ausgebildeten Personen bestätigte Meldungen wie Risse (Nutz- und Wildtiere), Spuren und Losung.
  • (K3, grün): Nicht überprüfte Riss-, Spuren- und Losungsfunde und alle nicht überprüfbaren Hinweise wie Lautäusserungen und Sichtbeobachtungen.

Akzeptanz

Der Luchs ist im Moment in den Medien wenig präsent. Die Population wir von der Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement (KORA) mit Fotofallen in Referenzgebieten überwacht, es werden auch Zufallsbeobachtungen dokumentiert. Zudem finden auch jährliche Umfragen unter Wildhütern statt.

Einige Jäger haben mühe mit dem Luchs und finden es gibt zu viele, aus diesem Grund gibt es in einzelnen Kantonen wieder Diskussionen die Population zu regeln.

Doch aus populationsbiologischer Sicht ist seine Verbreitung eher schlecht und insbesondere in den Alpen noch nicht flächig verteilt. Ein weiteres Problem sei, dass die Luchspopulation aus sehr wenigen Gründertieren entstanden ist und die genetische Variabilität deutlich geringer ist als in der Ursprungspopulation in der Slowakei.

Luchs und Mensch

Da der Luchs ein scheues Tier ist kommt es selten zur direkten Begegnung mit dem Menschen. Konflikte ergeben sich aus den eher seltenen Übergriffen auf Nutzvieh, zudem besteht eine Konkurrenz zum Jäger was Rehe und Gämsen betrifft.

Steckbrief

AussehenHochbeinige Katze mit grauem bis rötlichem Fell, oft mit schwarzen Flecken oder Rosetten, Ohrpinsel, Backenbart und Stummelschwanz
GrösseAusgewachsene Männchen 20 bis 26 Kilo, Weibchen 17 bis 20 Kilo
VerbreitungEuropa und Asien vom Himalaya bis zur nördlichen Waldgrenze
HabitatNordische und gemässigte Wälder, in Zentralasien auch in waldlosen Gebirgen
Raum- und Sozialstruktur
Lebt einzelgängerisch in permanenten Territorien, Weibchen (50-150 km²) und Männchen (100-250 km²)
PaarungszeitMärz/April
Tragzeitca.70 Tage
Wurfgrösse2 (1 bis 4) Junge von Mutter 10 Monate geführt, danach Abwanderung
NahrungRehe, Gämsen, gelegentlich Füchse, Nutztiere, Kleinsäuger. Pro Jahr reisst ein Luchs 50 bis 60 Paarhufer
Status in der Jagdverordnung (JSV)
geschützt mit Ausnahmen

Lesenswert

Konzept Luchs Schweiz (KORA)

Der Wolf

Der Wolf

Wie auch der Luchs wurde der Wolf im 19. Jahrhundert in der Schweiz und weiten Teilen Europas ausgerottet. Die Wildbestände sind waren zuvor wegen Überjagung knapp geworden und die Wölfe begannen auf Nutztiere auszuweichen – der Konflikt mit dem Menschen war da. Sie wurden nun systematisch bejagt, gefangen oder vergiftet.

In Spanien, Italien und Ost- und Nordeuropa überlebten kleine Bestände. Als der Wolf in Italien 1972 unter Schutz gestellt wurde lebten dort gerade noch 100 Tiere im zentralen Apennin. Auch in Italien mangelte es an  natürlichen Beutetieren und der Wolf ernährte sich von Nutztieren und Abfall.

Durch den Schutz konnte sich die Population in Italien wieder erholen und sich bis in die Alpen ausbreiten.

1995 wanderten die ersten Wölfe aus Frankreich und Italien in die Schweiz ein, erst wanderten junge Männchen, einige Zeit späte folgten die ersten Weibchen.

Von allen Exemplaren die zwischen 1998 und 2016 in die Schweiz eingewandert sind wurden 9 Tiere mit Bewilligung abgeschossen.
Derzeit leben etwa 30 bis 35 Wölfe in der Schweiz. Viele dieser Tiere sind auf der ‚Durchreise‘ und durchstreifen grosse Gebiete. Der erste gesicherte Nachweise eines Wolfsrudels in der Schweiz wurde im September 2012 erbracht.

Die als Calanda-Rudel bekannten Wölfe haben seither jedes Jahr erfolgreich Junge aufgezogen. Ein weiteres Rudel hat sich 2015 im Tessin, östlich von Bellinzona in Morobbia angesiedelt. Im Sommer des Jahres 2016 wurde ein drittes Rudel im Augstbordgebiet im Oberwallis nachgewiesen – im Jahr 2017 fehlt jedoch ein Reproduktionsnachweis.

Der Wolf verbreitet sich immer mehr und er ist in immer mehr Kantonen vertreten. Das Rudel, das sich in der Gegend um Jaun und Schwarzsee zu bilden begann, ist der Wilderei zum Opfer gefallen. F13, die Partnerin von M64, ist im Juni 2017 vergiftet aufgefunden worden. Damit ist die Rudelbildung unterbunden worden.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Rudelbildung in der Schweiz im Vergleich zu Ländern wie Deutschland und Frankreich nur langsam vorangeht.

Wolfs-Nachweise in der Schweiz zwischen 2005 und 2009 (Quelle KORA)
Wolfsnachweise in der Schweiz 2016 (Quelle KORA)
  • (K1, rot): Hard fact.
  • (K2, blau): Von ausgebildeten Personen bestätigte Meldungen.
  • (K3, grün): Nicht überprüfte Riss-, Spuren- und Losungsfunde.

Wolf und Mensch

Der Wolf ist im Normalfall scheu und wird nur in Ausnahmesituationen gefährlich für den Menschen. Diese können entstehen, wenn sich das Tier in die Enge getrieben fühlt oder durch Anfüttern die Scheu verliert und dreistes Verhalten entwickelt.

In einigen europäischen Ländern wurden Fälle von aggressivem Verhalten von Wölfen gegenüber Menschen berichtet, trotzdem gab es seit über 40 Jahren und trotz zunehmendem Wolfsbestand keine Todesfälle mehr.

Die überragende Mehrheit der aggressiven Wölfe geht auf tollwütige Tiere (vor allen in Osteuropa) und auf Selbstverteidigung der Wölfe zurück.

Viele Ängste des Menschen gegenüber dem Wolf gehen auf die verankerten Bilder des ‚bösen Wolf‘ zurück.
Durch das Jagd- und Beuteverhalten des Wolfes wird dieses Image noch verstärkt. Der Wolf reisst anders wie zB. der Luchs nicht ein Tier, er gerät in einen Regelrechten Blutrausch. Diese Verhalten kann einer ganzen Herde von Nutztieren das Leben kosten.

Steckbrief

AussehenÄhnelt in der Gestalt einem Schäferhund, jedoch hochbeiniger und schlanker, mit etwas kürzerem Schwanz und weniger spitzen Ohren. Beige-graues Fell mit heller Gesichtsmaske
Gewichtin Mitteleuropa zirka 30 Kilo
VerbreitungUrsprüngliche Verbreitung von Nordamerika bis Europa und Asien
HabitatSehr anpassungsfähig, kommt in der arktischen Tundra, Wäldern, Steppen, Wüsten und sogar stark zersiedelten Gebieten zurecht
Raum- und Sozialstruktur
Lebt in Rudeln in Territorien
PaarungszeitJanuar bis März
Tragzeitzirka 63 Tage
Wurfgrösse3 bis 8 Junge, im Alter von 10 Monaten bis 2 Jahren Abwanderung über weite Strecken (bis 1500 km)
NahrungHirsche, Rehe, Gämsen, in Südeuropa auch Wildschweine. Tötet gelegentlich Füchse, Nutztiere und Kleinsäuger
Status in der Jagdverordnung (JSV)
geschützt mit Ausnahmen

Lesenswert

Konzept Wolf Schweiz (KORA)

Der Braunbär

Der Braunbär

Seit prähistorischer Zeit war der Braunbär in der ganzen Schweiz heimisch, doch bereits um das Jahr 1500 war er aus dem damals schon grossflächig Abgeholzten und Bewohnten Mittelland verschwunden. Um das Jahr 1850 wurden die letzten Braunbären in den Nordalpen erlegt. Auch ein die Population im Jura verschwand um diese Zeit.

In den Tessiner und Bündner Alpen konnten sich die Tiere bis zum Aufkommen moderner Gewehre noch halten, danach sprang die Zahl der Bärenabschüsse nochmal in die Höhe.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Braunbär nur noch im südöstlichen Teil der Schweiz – Unterengadin, Val Müstair und Val dal Spöl – heimisch.

Der letzte Abschuss in der Schweiz fand 1904 statt, die letzte Sichtung 1923.

Schon bald nach der Ausrottung des Bären begann die Diskussion über eine Neuansiedlung.

Lebensräume für den Bären gibt es in der Schweiz in den Tessiner und Bündner Alpen. Dort besteht eine Verbindung zu den Alpengebieten Italiens die sehr waldreich sind.

Seit 2005 wandern auch immer wieder Bären aus diesem Gebiet ein zb. aus dem Trentino.

In den letzten Jahren gab es auch Bären die die Kantone Uri, Schwyz und im Mai 2017 sogar den Kanton Bern besuchten.

Bis jetzt handelte es sich immer um männliche Bären. Zwei davon JJ3 und M13 wurden im April 2008 und Februar 2013 geschossen, weil sie sich wiederholt in Siedlungen aufhielten und als gefährlich eingestuft wurden.

Bären-Aufenthaltsorte in der Schweiz 2016 (Quelle KORA)

Bär und Mensch

Bären sind schon auf Grund ihrer Grösse und Kraft potentiell Gefährlich. Grundsätzlich sind sie aber eher Scheu und meiden den Kontakt zum Menschen – sie besitzen einen ausgezeichneten Geruchs- und Gehörsinn was ihnen erlaubt frühzeitig den Kontakt zu vermeiden.

Treffen Mensch und Bär jedoch aufeinander kann das jedoch tödlich enden! Im Balkan, den Karpaten und den westlichen Teilen Russlands – Orte an denen noch grössere Bärenpopulationen leben – sind solche Fälle bekannt.

Die Opfer sind in diesen Fällen oft alleine im Wald unterwegs, sie führen leise Tätigkeiten aus wie Pilzesammeln. Dies zusammen mit ungünstigen Windverhältnissen können dazu führen das Bären überrascht werden. Besonders kritisch wird es dann wenn es sich um Weibchen handelt die mit ihren Jungen unterwegs sind.
Im Trentino hatte eine Bärin innerhalb zweier Jahre zwei Menschen angegriffen. Sie wurde deshalb als gefährlich eingestuft und im Juli 2017 geschossen.

Auch der Bär reisst ab und zu Nutztiere, was ebenfalls zu Konflikten mit Nutztierhaltern führt.

Steckbrief

GrösseAusgewachsene Männchen bis 300 Kilo, Weibchen rund 25 Prozent leichter
VerbreitungFrüher in ganz Europa und Asien nördlich des Himalaya. Heute lückenhafte Verbreitung in Europa.
LebensraumWegen starker Verfolgung heute vorwiegend in Wäldern und Gebieten mit hohem Anteil an Deckungsmöglichkeiten. Lebt einzelgängerisch in festen, aber nicht exklusiven Streifgebieten.
PaarungszeitMai bis Juli
TragzeitZwei Monate
Wurfgrösse1 bis 4 kleine, blinde und nackte Junge werden im Winterlager geboren. Im April oder Mai verlässt die Mutter mit ihren Jungen das Winterlager
NahrungErnährt sich als opportunistischer Allesfresser in erster Linie pflanzlich. Frisst auch Insekten, Aas, Huftiere
Status in der Jagdverordnung (JSV)geschützt mit Ausnahmen

Weitere Raubtiere

Hunde

Man muss in diesem Zusammenhang unterscheiden zwischen

  • Verwilderten Hunden: Hunde die kein Zuhause und keinen Besitzer haben (gibt es in der Schweiz wenige).
  • Streunende Hunde: Hunde die einen Besitzer haben und nur vorübergehend ausser Kontrolle sind.

Für Laien ist es oft schwierig zwischen Wolfs- und Hunderissen aufgrund der Spuren zu unterscheiden. Deshalb sollten immer Spezialisten beigezogen werden, um die Schadensursache bei verletzten oder toten Tieren festzustellen. Allgemein werden zum Schutz des Kleinviehs gegen streunende Hunde dieselben Schutzmassnahmen empfohlen wie gegen die Grossraubtiere. Ausserdem wurden mit Eseln und Lamas gute Erfahrungen gemacht.

Im Unterschied zu den nachgewiesenen  Rissen durch Grossraubtiere besteht bei Hunderissen keine Entschädigungspflicht von Seiten der Kantone (Ausnahme Genf). Grundsätzlich haften bei Schäden durch Hunde die Hundehaltenden.

Raubvögel

Ein Kolkrabe

Kolkraben und Steinadler können aber Neugeborene und junge Lämmer angreifen, diese sind aber eher selten und haben keinen wesentlichen Einfluss auf die Tiersterblichkeit während der Sömmerungszeit.  Adlerrisse werden von Bund und Kantonen entschädigt. Seit der Luchs wieder angesiedelt wurde, sind die gemeldeten Adlerrisse stark zurückgegangen.

Herdenschutzhunde sind auch gegen Raubvögel eine wirksame Schutzmassnahme. Angesichts der geringen Schäden ist dies aber eher ein Nebeneffekt, wenn sowieso schon Hunde in einer Herde sind, als dass Hunde nur wegen Vogelangriffen in eine Herde integriert werden