Rehkitzrettung

Jedes Jahr sterben mehr als 1500 Rehkitze in den Feldern – muss das sein?

Die Jagdstatistik vermeldet pro Jahr 1500 Rehkitze die durch das Mähen landwirtschaftlich genutzter Wiesen ums leben kommen. Die Dunkelziffer dürfte noch erheblich höher liegen…

Das Reh

Wie schon im Artikel ‚Waldbewohner – das Reh‘ beschrieben, ist das Reh kein ausgeprägtes Fluchttier. Seine Überlebensstrategie beruht auf dem Vermeiden von Gefahren durch Heimlichkeit und Wachsamkeit.
Darauf ausgerichtet ist auch sein Aufzuchtverhalten…

Nach der Geburt im Mai frisst die Geiss die Nachgeburt und leckt ihre 2 bis 3 Kitze trocken. Damit wird nicht nur die Bindung zwischen Geiss und Kitz gefestigt, auch der Geruch wird von Kitz entfernt damit Fressfeinde keine Witterung mehr aufnehmen können.

Anschliessend suchen die Kitze voneinander unabhängig eine Liegeplatz im hohen Gras. Dort verharren sie, durch ihr geflecktes Fell gut getarnt, regungslos. Man nennt die das ‚Drückverhalten‘

Die Geiss entfernt sich auf der Nahrungssuche nie weit von ihren Kitzen und kehrt regelmässig zu ihnen zurück um sie zu säugen. Hungrige oder verängstigte Kitze geben zum Teil einen weittragenden Fieplaut von sich, auf den die Mutter herbei kommt.

Diese Drückverhalten zeigen die Kitze in den ersten zwei bis drei Lebenswochen. Werden sie dennoch entdeckt, verfallen sie in eine Starre. Erst ab der dritten Woche versuchen sie sich durch Flucht in Sicherheit zu bringen.
Dieses Verhalten erschwert es Beutegreifern (Fuchs, Luchs aber auch grosse Raubvögel) ungemein, junge Rehe aufzuspüren.

Was jedoch gegen einen Fuchs hilft, ist gegen eine Mähmaschine nutzlos…

Ein Rehkitz im Feld…

Grässlich für alle Beteiligten

In der heutigen Kulturlandschaft liegen praktisch die meisten Rehkitze in landwirtschaftlich genutzten Wiesen. Gegen eine Mähmaschine die sich mit bis zu 20 km/h – das sind 5 m/s – fortbewegt, hat weder das abgelegte noch das fliehende Kitz eine Chance.

Sie geraten in das Mähwerk und werden zerstückelt oder schwerst verletzt.

Für alle Beteiligten sind solche Unfälle furchtbar:
Das Kitz leidet unvorstellbare Qualen und schreit jämmerlich, die Geiss leidet, weil sie nicht helfen kann und such ihr Kitz noch tagelang.
Der Landwirt ist ohnmächtig der Situation gegenüber und der Jäger oder Wildhüter hat die undankbare Pflicht, das Kitz von seinen Qualen zu erlösen…


Ich habe es mir lange überlegt, ob ich hier Bilder von solchen Vorfällen zeigen will oder nicht.
Ich habe mich dazu entschlossen es nicht zu tun,
es sei jedem selbst überlassen ob er oder sie es sich antun mag nach solchen Bildern zu Googeln!


Vermähte Rehkitze sind auch für den Bauern und sein Vieh ein Problem. Die Fleischreste im geschnittenen Gras können durch die während der Verwesung entstehenden Gifte eine tödliche Gefahr für alle die darstellen, die das Gras fressen. Sei es als Emd, Silage oder Heu.

Auch aus diesem Grund – und hoffentlich nicht nur – liegt es auch im Interesse des Landwirts, solche Vorfälle zu verhindern.

Prävention

Ob man Rehe davon abhalten kann ihre Kitze in einer Wiese zu verstecken können auch Experten nicht beantworten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Landwirte, Jäger/innen und auch freiwillige Tier- und Naturschützer zusammen arbeiten, um gefährdete Gebiete zu erkennen und zu handeln.

Hinweise auf eine Gefahrensituation

  • Wiesen mit einer Vegetation zwischen 30 und 130 cm Höhe.
  • Rehgeissen, die zur Setzzeit regelmässig dieselbe Wiese aufsuchen.
  • Rehgeissen, die auf Lockpfeiffen reagieren, welche den Hilferuf der Kietze imitieren.
    Aber: Dass eine Geiss nicht auf Lockrufe reagieren bedeutet nicht, dass keine Kietze in der Gegend sind!

Um die Geissen davon abzuhalten, in die Wiesen zu gehen, werden flatternde Aluminium- oder Plastikbänder oder CDs an Pfosten entlang der Wiesenränder aufgestellt. Es kommen auch Duftstoffe zum Einsatz, die unter anderem Raubtiergeruch enthalten. Dieses sog. Verwittern hat einen Nachteil, wenn der Landwirt aufgrund guter Witterung sich schnell entscheiden muss zu Ernten, reicht die Zeit für das Anbringen von Duftstoffen nicht mehr aus.
Alle diese Massnahmen sind allerdings bei den Experten umstritten. Das Kitz sucht instinktiv Schutz in hohem Gras und lässt sich durch diese Massnahmen nicht abschrecken – bei der Geiss wirkten die Massnahmen im Normalfall, aber auch hier gewöhnen sich die Tiere an das geflatter und geblinke.

Die Massnahmen alleine reichen daher kaum aus, um Unfälle sicher zu vermeiden.

Rehkitzsuche

Wenn ein Landwirt sicher sein will kein Kitz in der Wiese zu haben, kann er dies nur durch absuchen die Wiese direkt vor dem Mähen erlangen.

Es stehen effiziente Methoden zur Verfügung.

  • Das Absuchen der Wiese mit einer Menschenkette und Hunden.
  • Die Suche mit dem ‚ISA-Wildretter‘.
  • Die Suche mit ferngesteuerten Drohnen.
  • Infrarotsensoren an der Mähmaschine.

Suche mit Menschenkette und Hunden

Auch Ausgebildete Such- und Vorstehhunde können eine Hilfe auf der Suche nach Rehkitzen sein. Man muss hierbei jedoch bedenken, dass die Kitze praktisch keinen Eigengeruch haben und es somit auch für Hunde schwer ist sie zu finden. Es ist aus diesem Grund sinnvoll und sicherer wenn Menschenketten mit an der Schleppleine geführten Hunden die Wiese mit System absuchen.

Eine Menschenkette auf der Suche nach Kitzen

Suche mit dem ‚ISA-Wildretter‘

Jedes warmblütige Lebewesen strahlt Wärmeenergie aus die von einem Infrarotdetektor wahrgenommen werden kann. Diese physikalische Tatsache machen sich die Rehkitzretter der deutschen Firma ‚i-s-a Industrieelektronik‘ zunutze

Der ISA-Wildretter im Einsatz

Das Gerät wiegt knappe 5kg und besteht aus einer auf 5.5m ausziehbaren Teleskopstange an der in regelmässigen Abständen die 10 Infrarot Sensoren befestigt sind. Das Gerät wird im Einsatz in Bauch- bis Brusthöhe (min. 1m Bodenabstand) an einem bequemen Tragegurt durch die Wiese getragen. Der Suchende schreitet das Feld in regelmässigen Linien ab.

Entdeckt ein Sensor eine Wärmequelle, ertönt eine Warnsignal und auf dem Display wird angezeigt, welcher der Detektoren das Signal ausgelöst hat.

Das Gerät wird mit Vorteil am frühen Morgen eingesetzt, dann wenn sich die Wärme des Kitz noch deutlich von der Umgebungstemperatur abhebt. Später am Tag können auch Maulwurfshügel und Blätter zu einem Auslösen des Alarmes führen. Wer den Umgang mit dem Gerät aber gewöhnt ist, kann schnell Fehlalarme von Rehkitzen unterscheiden.

Suche mit ferngesteuerten Drohnen

Drohen sind zwar noch teuer in der Anschaffung können dafür in kurzer Zeit eine grosse Fläche absuchen.

Die Drohnen sind ferngesteuerte Multikopter die mit Wärmebildkamera und GPS-Geräten ausgestattet sind. Die neueren Modelle sind bereits in der Lage ein vorher definiertes Areal selbstständig abzusuchen.

Infrarotsensoren an der Mähmaschine

Praktisch wäre es natürlich, wenn die Mähmaschine das Kitz selbst entdecken und die Arbeit unterbrechen würde!
Die deutsche Firma CLAAS ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet.

Das Problem bei diesem Ansatz sind unter anderem die Vibrationen und die Tatsache, dass bei jedem Fehlalarm die Arbeit unterbrochen wird. Zudem ist das System nur für sehr flache Felder geeignet – hier ist dafür die Gefahr für die Kitze höher, da mit höherer Geschwindigkeit gemäht werden kann.

Wie umgehen mit gefundenen Kitzen?

Ein gefundenes Kitz sollte wenn möglich nicht mit blossen Händen angefasst werden. Die Geiss könnte sich an dem Geruch des Menschen stören und das Kitz wäre für Fressfeinde nicht mehr geruchlos.

Die Hände sollten gut mit Erde oder frischem Gras eingerieben werden. Das Kitz sollte danach nur durch eine Schutzschicht aus Gras angefasst werden und in eine mit Gras ausgelegten Kiste gelegt werden. Das Kitz kann alternativ auch unter einer Holzkiste liegen gelassen werden – danach kann man sich an den Bauern oder Jäger wenden der die weitere Rettung übernimmt (Achtung: bei grosser Hitze kann das bedecken mit einer Kiste ebenfalls eine Gefahr für das Tier sein).

Nachdem man das Kitz aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht hat, setzt man es am besten am Wiesenrand oder an einem nahen Waldrand im Schutz von Büschen ab. Die Geiss wird das Kitz am Abend auch am Wiesen- oder Waldrand suchen um es zu säugen. Danach wird sie es in ein neues Versteck bringen.

Kitzrettung – Schritt für Schritt

Übrigens, Rehkitzrettung zahlt sich aus!

Die Vermeidung von Tierleid steht klar im Vordergrund bei der Kitzrettung. Aber auch das Vermeiden von Vergiftungsfällen beim Vieh das die Ernte frisst!

IP-Suisse vergibt an Landwirte, die auf Ihren Feldern persönlich mit einem Arbeitsaufwand von mehr als 12 Stunden nach Rehkitzen suchen, 0.5 Punkte im Programm Biodiversität und Ressourcenschutz (Ziffer 15 IP-Richtlinien).
JagdkandidatInnen, die sich an der Rehkitzsuche beteiligen, können diesen Aufwand i.A. als Hegeleistung anerkennen lassen.

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